Hans Durban berichtet über die Geschichte des Ortsvereins


Hans Durban (1922 - 2015)

Hans Durban (1922 - 2015) war seit 1965 Mitglied der SPD und langjähriger Gemeinderat für die SPD in Freistett. Er berichtete uns über die Geschichte des SPD-Ortsvereins Freistett:

Gründung und Zeit vor dem Ersten Weltkrieg

Die Gründung des SPD-Ortsvereins in Freistett hatte seinen Ursprung bereits im Jahre 1911 mit der Wahl von David Hügel in den Gemeinderat. Die konservativen Kräfte konnten die Wahl eines Arbeiters in den Rat nicht mehr verhindern, zumal über 50 Prozent der Einwohnerschaft der Arbeiterschaft angehörte. Das wirtschaftliche Leben in Freistett war in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg geprägt durch die Landwirtschaft und Schifffahrt und durch mehrere Zigarrenfabriken, in denen vor allem Frauen eine Beschäftigung fanden. Manche der kinderreichen Arbeiterfamilien bewirtschafteten zusätzlich zwei oder drei kleinere Äcker, um das Überleben sichern zu können. Kinder- und Sonntagsarbeit waren an der Tagesordnung. Da man sich Fuhrwerke oder einfache Ackergeräte nicht leisten konnte, wurde die meiste Landarbeit manuell erledigt. Nur wenn man einem benachbarten Bauern bei der Arbeit half, konnte man sich ein Pferdefuhrwerk oder sonstige Geräte ausleihen. Bei größeren Bauern mit zwei oder mehr Pferden waren Knechte und Mägde beschäftigt. Arbeit fand man auch im 20 Kilometer entfernten Straßburg, wo zum Beispiel junge Mädchen als Haushaltshilfen verdingt wurden und das "Dienen", d.h. das Führen eines Haushaltes, lernten. Freistetter Handwerker und Arbeiter machten sich bereits um fünf Uhr in der Frühe auf nach Straßburg, um dort ihre Arbeit bei verschiedenen Handwerksbetrieben aufzunehmen. Oft kehrten sie erst nachts wieder nach Freistett zurück. Sie erhielten als Lohn zehn Pfennig pro Stunde und täglich eine Mahlzeit (Servella mit Weck) mit einem Glas Bier. Eine Fabrikarbeiterin verdiente in der Woche (Montag bis Samstag) vier bis fünf Reichsmark. Die Kinder der ärmeren Schichten gingen vormittags in die Dorfschule und arbeiteten nachmittags - sofern sie bereits zehn Jahre alt waren - in den hiesigen Fabriken, um zum Lebensunterhalt beizutragen. Zur damaligen Zeit vor dem Ersten Weltkrieg gehörte eine gehörige Portion Mut dazu, die SPD und damit die Arbeiterinteressen im Gemeinderat von Freistett zu vertreten. Die Verfolgung der Sozialisten durch Bismarck lag nicht lange zurück, die Arbeiter waren im wilhelminischen Staat nicht integriert, sondern nur geduldet. Die anfängliche Hetze bestimmter Kreise in Freistett, die Welt ginge unter, wenn die Arbeiter auf dem Rathaus politisch etwas zu sagen hätten, war haltlos und verstummte schließlich.

Weimarer Republik

Nach dem Ersten Weltkrieg und dem damit verbundenen Niedergang der Monarchie gelang es der Sozialdemokratie in Freistett, sich zu festigen und allmählich eine aktivere Rolle in der politischen Gestaltung einzunehmen. Der Sozialdemokrat Friedrich Schmidt, SPD-Mitglied seit 1908, wurde 1918 in den 48-köpfigen Bürgerausschuß von Freistett gewählt. Nicht zuletzt unter seiner Mitwirkung wurde die Einrichtung eines Gemeinschaftsbades mit Badewannen in der Mechanikerwerkstatt Schäfer in der Nähe des Rathauses beschlossen und mit Hilfe eines Gemeindezuschusses von 6.000 Reichsmark auch tatsächlich eingerichtet. Zu Beginn der Zwanziger Jahre wurden der Sportverein (1921) und der Arbeitergesangverein (1923) gegründet. In einer ehemaligen Kiesgrube entstand der Sportplatz für den populär werdenden Fußball und die Leichtatlethik. Schon früh überregionale Bedeutung erlangten die "Hanauer Kampfspiele", ein alljährliches Leichtatlethikfest, welches noch heute vom Sportverein Freistett unter der Bezeichnung "Hanauer Spiele" ausgerichtet wird. Dann kam die Inflation von 1923, die deutliche Spuren auch in Freistett und Umgebung hinterließ. Zuletzt waren eine Billion Reichsmark noch eine Goldmark wert. Aufgrund des verlorenen Krieges waren Reparationszahlungen an die Besatzungsmacht Frankreich (Besatzungszone von Kehl bis nach Rheinbischofsheim) fällig, welche die Region noch weiter schwächten. Die wirtschaftlichen Probleme führten, wie in der gesamten Republik, auch in unserer Gegend zum Erstarken der Nationalsozialisten, vor allem nach dem Marsch der NSDAP auf die Feldherrenhalle in München und der anschließenden Inhaftierung von Hitler und Ludendorf. Freistett blieb aber traditionell eine Hochburg der Sozialdemokratie. Der Ruf nach dem starken Manne hatte im Verbund mit den brutalen Wahlkampfmethoden der NSDAP allerdings immer mehr Erfolg und ich erinnere mich an ein Plakat, das vor einer Reichtagswahl im Jahre 1930 insgesamt 36 Parteien auflistete.

Nazi-Diktatur und Zweiter Weltkrieg

Bei den Reichstagswahlen von 1933 stand das Ergebnis - kaum waren die Wahllokale geschlossen - in Form eines "Wahlsieges" der NSDAP bereits fest. Hitler wurde von Reichspräsident Hindenburg zum Reichskanzler ernannt, ohne dass die NSDAP in Deutschland jedoch eine Mehrheit hatte. Kurz darauf wurde dann gegen die Stimmen der SPD-Abgeordneten im Reichstag das Ermächtigungsgesetz beschlossen, welches die nationalsozialistische Diktatur und Gewaltherrschaft legalisierte. Die Folge war, dass alles verboten bzw. verhaftet wurde, was sich den Nazis in den Weg stellte. Etliche SPD und KPD-Abgeordnete und Funktionsträger aus der Region verschwanden, ohne dass man sie jemals wiedersah. Vor vorgehaltener Hand hieß es "Halt's Maul oder du kommst nach Dachau". Die Verfolgung von Sozialdemokraten und Kommunisten verschärfte sich 1934 nach dem von Hitler und Himmler brutal niedergeschlagenen Röhm-Putsch. Die NSDAP-Ortsgruppen veranlassten "vorbeugend" die Verhaftung von ehemaligen SPD-Mitgliedern, welche ihnen für den NS-Staat als "gefährlich" erschienen. Betroffen von der Verhaftungswelle waren in Freistett unter anderen die Genossen Karl Geisert, Georg Hügel, Wilhelm Keck und Karl Durban.

Wiederaufbau, 60er Jahre, Gemeindereform und Gründung des Ortsvereins Rheinau

Nach dem Zweiten Weltkrieg verboten die Besatzungsmächte zunächst jede politische Betätigung. Die Sozialdemokratie in Freistett war durch die Nazis vollkommen zerschlagen worden, so dass erst nach der Währungsreform 1948 sich wieder Genossen zur Gründung eines Ortsvereins zusammenfanden. Heiner Schmidt wurde ihr erster Vorsitzender, und bei den ersten Kommunalwahlen nach dem Krieg wurden Fritz Müller und Friedrich Stephan in den Gemeinderat gewählt. Friedrich Stephan gelang es, in den Kreistag (Kreis Kehl) und später in den Landtag mit Sitz in Freiburg und später in Stuttgart einzuziehen. Weitere sozialdemokratische Gemeinderäte wie Hans Blum sen., Benjamin Hochberger, Ernst Demuth, Erwin Blechner, Friedrich Schmidt und meine Wenigkeit folgten. 1969 wurde mit Friedrich Stephan erstmals ein Sozialdemokrat Bürgermeister von Freistett. Er brachte neuen Schwung in die Gemeindepolitik und hatte maßgeblichen Einfluß auf die Gestaltung der Gemeindereform zu Beginn der 70er Jahre. Das Ergebnis der Gemeindereform war der Zusammenschluß von 9 Gemeinden zur Stadt Rheinau am 01.01.1975. Auch die SPD organisierte sich im Vorfeld des Zusammenschlusses neu: 1974 entstand der SPD-Ortsverein Rheinau unter ihrem Gründungsvorsitzenden Fritz Kunle.

 

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